Empfehlung Nr. 4:  Essentielle Fettsäuren

   Ein weiterer Faktor in Dr. Perricones Ernährungsprogramm sind die essentiellen Fettsäuren wie Omega-3 und Omega-6, die z. B. in Nüssen, Sesam oder pflanzlichen Ölen wie Nuss- oder Sonnenblumenöl enthalten ist. Lachs ist auch deshalb Dr. Perricone’s bevorzugter Proteinlieferant, weil Lachs mehr essentielle Fettsäuren als die meisten anderen Fischarten enthält.

   Fett ist bei uns im Rahmen der immer überwichtiger  und kränker (z. B. Cholesterin) werdenden Bevölkerung in Verruf gekommen. Aber genauso wie es essentielle Aminosäuren gibt, gibt es auch essentielle, also lebenswichtige Fettsäuren. Sie werden für zahlreiche Stoffwechselvorgänge benötigt. Und wie bei Proteinen müssen wir sie unserem Körper ständig ‚nachliefern’, um den Bedarf zu decken.

   Essentielle Fettsäuren sind ebenso wie Aminosäuren Bausteine, in diesem Fall für Nahrungsfette. Sie dienen u. a. als Energieträger und Träger für fettlösliche Vitamine. Aus Fettsäuren werden ausserdem Botenstoffe, so genannte Eikosanoide gebildet, auf die wir noch näher eingehen werden.

   Es gibt – abhängig von der Struktur ihrer Kohlenstoffverbindungen – unterschiedliche Arten von Fettsäuren, nämlich

  • gesättigte
  • ungesättigte
  • mehrfach ungesättigte bzw. essentielle Fettsäuren

   Die gesättigten Fettsäuren werden hauptsächlich von tierischen Lebensmitteln wie Fleisch oder Wurst, aber auch von Butter oder Kokosfett geliefert. Diese Fettsäuren erhöhen den Cholesterinspiegel und so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gesättigte Fettsäuren werden deshalb zurecht als ‚schlechte’, bzw. ungesunde Fette betrachtet. Sie verhindern übrigens auch, dass Proteine vollständig vom Körper aufgenommen werden.

   Pflanzen dagegen liefern ungesättigte Fettsäuren. Sie senken den Cholesterinspiegel und unterstützen das Herz-Kreislauf-System, d. h. sie senken nachweisbar das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verbessern die Transportfähigkeit des Bluts. Eskimos und Japaner ernähren sich traditionell mit einem höheren Gehalt an ungesättigten und einem niedrigeren Gehalt an gesättigten Fettsäuren; Studien haben gezeigt, dass sie wesentlich seltener an koronaren Herzkrankheiten erkranken. Ungesättigte Fettsäuren wirken sich tatsächlich sogar positiv auf unseren Fettstoffwechsel aus.

   Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren wie Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren kann unser Körper nicht selbst herstellen. Deshalb werden sie als essentielle Fettsäuren bezeichnet (im Engl.: Essential Fatty Acids oder abgekürzt EFAs). Um unseren Bedarf an EFAs über die Ernährung zu decken, müssten wir mindestens dreimal pro Woche fettreichen Fisch essen (z. B. Lachs, Thunfisch, Makrele). Die meisten Menschen nehmen zu wenig EFAs zu sich – auch wenn sie sich nicht einmal bewusst fettarm ernähren. Dabei haben amerikanische Forscher am Lipid and Diabetes Research Center des Mid America Heart Institute aus Kansas City nachgewiesen, dass schon weniger als 1 Gramm Omega-3-Fettsäuren täglich das Herzinfarktrisiko reduzieren

   Zahlreiche Krankheiten werden mit einem Mangel an essentiellen Fettsäuren in Verbindung gebracht, u. A. Morbus Alzheimer oder andere Formen der Demenz, Depressionen, Herzerkrankungen, Diabetes, Allergien, Asthma und verschiedene Hauterkrankungen. Entsprechend werden Omega-3-Fettsäuren auch bei zahlreichen Krankheitsbildern angewendet, z.B. bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder  zur Behandlung von Patienten nach einem Herzinfarkt. Omega-3-Fettsäuren werden auch während der Schwangerschaft empfohlen, da sie u. a. für die embryonale Entwicklung benötigt werden.

   Frühzeitliche Funde englischer Forscher haben gezeigt, dass Omega-3-Fettsäuren sogar eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des menschlichen Gehirns und damit des Homo Sapiens (moderner Menschen) gespielt haben dürften. Die ersten Menschen haben sich in Ostafrika entwickelt und die Seeufer des Rift Valley bevölkert. Dort haben sie sich von Fisch aus den grossen Kaltwasserseen ernährt, der reich an lebenswichtigen Omega-3-Fettsäuren war. Nach Einschätzung der englischen Forscher haben diese Fettsäuren massiv dazu beigetragen, dass wir den Quantensprung zum Homo Sapiens gemacht haben.

   Unser Gehirn und unser Nervensystem bestehen nämlich zu mehr als 50% aus Fett. Sowohl die Grösse unseres Gehirns als auch die Anzahl der Gehirnzellen werden deshalb von ungesättigten Fettsäuren beeinflusst - d. h., unsere Gehirnfunktionen und unser Auffassungs- und Lernvermögen sind stark von ihnen abhängig. Haupteinflussfaktoren sind auch hier die Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren. 20% der aus Fett bestehenden Gehirnmasse wiederum besteht z. B. aus einer der Omega-3-Fettsäuren, der Docosahexaensäure. Als Bestandteil der Zellmembran sorgt Docosahexaensäure im Gehirn  auch dafür, dass elektrische Impulse zwischen den Nervenzellen übertragen werden.

nervenzelle/ neuron

   Unsere Nervenfasern bzw. Neuriten (die die Nervenreize weiterleiten) sind von einer spiralförmigen Myelinschicht umhüllt. Man kann sich das vorstellen wie ein Kabel, das mit einer Isolierschicht aus Kunststoff umhüllt ist. Myelin dient tatsächlich auch zur elektrischen Isolation und besteht zu ca. 75% aus (überwiegend ungesättigten) Fettsäuren. Die restlichen 25% sind Proteine.

   Die Myelinschicht bildet also eine schützende Schicht um die Nervenstränge des Gehirns und des Rückenmarks. Wie wichtig die Myelinisierung ist – und damit wieder die ungesättigten Fettsäuren – sieht man daran, dass im Laufe der Jahre mit zunehmendem Alter die Myelinschicht beeinträchtigt wird; als Folge gehen bei der Übertragung der Nervenreize Informationen verloren. Man ‚schaltet langsamer’, die Gehirn- und Gedächtnisleistung nimmt teilweise ab.

   Die essentiellen Fettsäuren sind aber auch, wie bereits beschrieben, Bestandteile der Zellmembrane. Ungesättigten Fettsäuren liefern die Bausteine für die Zellmembrane, erhalten sie also flexibel und funktionsfähig. Sie fungieren auch als eine Art ‚Bodyguard für die Zellen’, weil sie in gewisser Weise darüber entscheiden, welche Stoffe in die Zelle gelassen werden und welche nicht. Sind nicht ausreichend essentielle, ungesättigte Fettsäuren vorhanden, werden stattdessen härtere (gesättigte) Fettsäuren in die Zellmembrane eingebaut. Dadurch verringert sich ihre Geschmeidigkeit und die Transportaktivität; die Zellen werden für den Stoffwechsel weniger durchlässig. Dies kann u. a. die paradoxe Folge haben, dass man durch zu wenig Fett(säuren) übergewichtig wird. Sind die Zellmembrane zu wenig durchlässig, produziert der Körper nämlich mehr Insulin – was langfristig die Bauchspeicheldrüse überfordern oder zu Diabetes führen kann, erst einmal aber zu Übergewicht führt. Wir benötigen also essentielle Fettsäuren, um schlank zu bleiben!

   Wir haben vorher bereits mehrfach gezeigt, wie wichtig eine gesunde Zellmembran für eine gesunde Zelle und als Vorbeugung gegen Alterungserscheinungen ist. Ungesättigte Fettsäuren schützen nicht nur die Zellmembrane, sondern unser ganzes Nervensystem vor altersbedingten Schädigungen.

   Essentielle Fettsäuren sind ausserdem die Ausgangssubstanz – wieder ein ‚Baustein’ – für die Eicosanoide: Gewebshormone bzw. Botenstoffe, die für zahlreiche Stoffwechselprozesse benötigt werden, darunter auch absolut lebenswichtige Funktionen. Sie steuern u. a.

  • Zellwachstum und –regeneration
  • unser Hormon- und Immunsystem, den Schlaf-Wach-Rhythmus, Herz-Kreislauf- und Zentralnervensystem.
  • Die Blutfette (auch Cholesterin), den Blutdruck und die Blutgerinnung
  • Sie beeinflussen die Herzfrequenz und das Schmerzempfinden (alle auf dem Markt befindlichen Schmerzmittel wirken nur auf die Eicosanoide!)
  • Sie regulieren die Zellfunktionen der 60 Billionen Körperzellen, sind also wirklich von ganz grundlegender Wichtigkeit

Auch bei den Eicosanoiden wird wieder zwischen ‚guten’ und ‚schlechten’ unterschieden.

  • Gute Eicosanoide werden aus guten Fetten gebildet, wirken blutdrucksenkend, gerinnungs- und entzündungshemmend
  • Schlechte Eicosanoide werden aus schlechten Fetten gebildet und wirken genau umgekehrt: Sie erhöhen den Blutdruck, die Klebrigkeit der Blutplättchen und entzündungsfördernd. Diese entzündungsfördernen Eicosanoide werden aus Arachidonsäure gebildet, die wir beim Verzehr tierischer Fette aufnehmen, die aber in pflanzlichen Lebensmitteln nicht vorkommt. Je mehr Arachidonsäure wir über unsere Nahrungsaufnehmen, desto mehr entzündungsfördernde Eicosanoide werden in unserem Körper gebildet.

Ungesättigte Fettsäuren passen also auf dreierlei Weise perfekt in Dr. Perricones Antiaging-Programm:

  • erstens sind sie ein wichtiger Grundbaustein und Träger wichtiger Nährstoffe (fettlöslicher Vitamine)
  • zweitens verbessern sie den Stoffwechsel, indem sie die Zellmembran geschmeidig und funktionsfähig erhalten
  • drittens wirken sie Entzündungen entgegen und helfen so auch dabei, den Teufelskreis der Entzündungen auf Zellebene aufzuhalten und die daraus resultierenden Folgen zu vermeiden

   Auch im Bereich der EFAs, der essentiellen Fettsäuren, gibt es eine höchst effektive, rein pflanzliche Nahrungsergänzung, die uns dabei unterstützen kann, unserem Körper auf einfache Weise die notwendigen Mengen an essentiellen Fettsäuren zur Verfügung zu stellen. Die besten Lieferanten für essentielle Fettsäuren haben wir nämlich normalerweise sicher nicht in unseren Ernährungsplan integriert: Flachssamenöl z. B. ist die beste vegetarische Quelle für Omega-3-Fettsäuren und Borretschsamenöl die beste Quelle für Gamma-Linolensäure, eine der Omega-6-Fettsäuren.

   Essentielle Fettsäuren sind chemisch instabile Verbindungen, sie oxidieren leicht. Deshalb macht es Sinn, sie mit Antioxidantien zusammen einzunehmen. Wenn Sie Ihren Bedarf an essentiellen Fettsäuren also über Nahrungsergänzungen decken, essen Sie sie am Besten zusammen mit Ihren Antioxidantien. Aktiver Wasserstoff kann übrigens natürlich auch oxidierte Fettsäuren recyceln!

   Da Fette auch die Träger der fettlöslichen Vitamine wie A, D, E und K sind, können diese in Kombination mit Fettsäuren besser aufgenommen werden. Eine amerikanische Studie an der Columbia University zeigte zudem, dass der Körper bei einer fettarmen Ernährung auch weniger Kalzium aufnehmen kann. Die Wissenschaftler empfahlen deshalb z. B. zur Vorbeugung und Behandlung von Osteoporose darauf zu achten, sich nicht zu fettarm zu ernähren.


weiter >>>

 

 


as Alter ist etwas Herrliches. Ich bin neugierig auf jedes kommende Jahr.

           Alfred Döblin